Von Konstantin Kaiser

Ich war Anfang September als österreichischer Vertreter eingeladen zum Poesiefestival Meridian Czernowitz, las zusammen mit Maria Marggraf, der Schweizer Vertreterin, meine Gedichte. Die von Halyna Petrosanyak und ihm selbst ins Ukrainische übersetzten Gedichte las Petro Rychlo, der Übersetzer Paul Celans, Rose Ausländers und der ganzen deutschsprachigen bukowinischen Literatur.

Der Saal im Paul Celan-Literaturzentrum in Tscherniwzi war gesteckt voll. Für uns ungewohnt war, dass nach jedem Gedicht begeistert applaudiert wurde. Ich war 20 Jahre nicht in Czernowitz gewesen und fand die Stadt nun farbiger und heiterer, belebter auch vor. Viel von der altösterreichisch-historistischen und der rumänischen Bausubstanz ist behutsam renoviert erhalten geblieben. Einkaufszentren sind in bewährter Hässlichkeit dazugekommen. Mit anderen Worten: Das Leben verläuft normal, aber ein wenig übernormal, über die Normalität breitet sich noch eine Patina künstlicher Gelassenheit, unter der sich die Sorge um eine ungewisse Zukunft eingebettet hat. Die arbeitslose Ärztin, mit der ich ins Gespräch kam, sucht nach einer Pflegetätigkeit in Österreich, und die Sprachstudentin, die mich während meines Aufenthalts bei meinen Wegen durch die Stadt begleitete, träumt von einem Auslandsstipendium, das ihr ermöglicht, eine Weile nicht über Drohnenwarnungen und Schutzräume nachzudenken. Alle spüren die Teuerung bei Lebensmitteln und besonders bei den Mieten; es sollen einige Zehntausend UkrainerInnen aus den Gebieten im Osten hier Zuflucht gefunden haben.
Im Rahmen des Poesiefestivals konnte ich ‚alte‘ Freunde begrüßen, so Petro Rychlo, mit dem ich schon ein Vierteljahrhundert in Verbindung bin, Oksana Sabuschko, Jurij Andruchowytsch. Ihre Lesungen im großen Saal waren immer überfüllt von einem jedes Wort aufmerksam verfolgenden heimischen Publikum. Ich meinerseits gab, Premiere in meinem bisherigen Wirken, ein englisches Interview für die Zeitung Ukrajinska Pravda (Kyjiv).
Czernowitz, die Hauptstadt des einstigen Kronlandes, des Herzogtums Bukowina, erlitt bisher erst zwei russische Angriffe, zuletzt am 12. Juli 2025 waren in Tscherniwzi mehrere beschädigte Gebäude, zwei Tote und vierzehn Verletzte die Folge. Bislang aber ist das historische Ensemble der östlichsten ehemals österreichischen Stadt intakt.
Wird der Winter wieder Kälte und Dunkelheit nach russischem Beschuss bringen, wie viel wird von dieser bisher so gut erhaltenen schönen alten Stadt erhalten bleiben?
Wladimir Putin muss mittlerweile verstanden haben, dass der Krieg gegen die Ukraine zu einer Entscheidung zwischen Sieg und Niederlage drängt. Ausschlaggebend sein wird letztlich die im täuschenden Gewande von Friedensgesprächen betriebene Bündnispolitik. Diplomatie wird nicht das letzte Wort haben, man wird ihr aber taktvollerweise das letzte Wort lassen.
Putin hat den besten Zeitpunkt für einen vorteilhaften Waffenstillstand vor einem Jahr leichtfertig versäumt.
Umso heftiger drängt Putin auf eine abschreckende Zerstörung der Ukraine in einem Luftkrieg, in dem die Russische Föderation die ihr verbliebenen Stärken ausspielen kann, vor allem mit Gleitbomben und ballistischen Raketen. Möglicherweise wird das Gerücht, die Ukraine verfüge über einen Restbestand von Atomwaffen, verbreitet werden mit dem Ziel, die russische Vertragsuntreue (Budapester Memorandum!) zu rechtfertigen und zugleich Stimmung zu machen für einen Einsatz taktischer Atomwaffen durch die Russische Föderation, der selbstverständlich „defensiv“ genannt werden wird. Einer atomaren Eskalation steht aber die Verletzlichkeit der großen russischen Zentren mangels Lufthoheit im Wege.
Jedenfalls eröffnet sich bis zur Freigabe des Einsatzes westlicher Waffen für Ziele in der Russischen Föderation ein Zeitfenster, das Putin und seine Schergen für ein Maximum an Terror und Zerstörung in der Ukraine auszunützen trachten. Der Bombenterror verlagert sich schon jetzt immer mehr auch in den Westen der Ukraine.
Ich sage nur: Retten wir Czernowitz, retten wir Tscherniwzi!
Treten wir dafür ein, dass die Ukraine die Abschussrampen der Geschosse, die sie zerstören, mit den AUCH vom Westen gelieferten Präzisionswaffen und Informationen bekämpfen darf.






