3 Jahre Zerstörung des Kachowka-Damms

Einblicke in Russlands massiven Ökozid in seinem Krieg gegen die Ukraine

Heute, am 6. Juni 2026, ist der dritte Jahrestag der mutwilligen Zerstörung des Kachowka-Staudamms durch russische Truppen, der eines der böswilligsten und folgenschwersten Kriegsverbrechen Russlands in der Ukraine darstellt. zwischenwelt.international bringt daher im Folgenden die Übersetzung eines Textes von Ukraine World.

Die Zerstörung des Kachowka-Staudamms war kein Zufall, sondern folgt einem Muster der russischen Kriegsführung, das ganz bewusst auf die Zerstörung ziviler Infrastruktur abzielt.

Am 6. Juni 2023 zerstörten russische Streitkräfte den Kachowka-Staudamm, den letzten Damm der Dnipro-Stauseekaskade. Dieser Damm regulierte die Wasserversorgung in der gesamten Südukraine, mit entscheidender Bedeutung für die Landwirtschaft, die Industrie und die lokale Bevölkerung und er war einer der größten Stauseen Europas.

Es war kein Unfall und auch keine unbeabsichtigte Folge von Kriegshandlungen. Es war die bewusste Zerstörung eines Systems, das jahrzehntelang Wasser, Land und Leben reguliert hatte.

Als der Damm zerstört wurde, brach dieses System fast augenblicklich zusammen – die zuvor sorgfältig gebändigten Wassermassen wurden zu einer unkontrollierbaren Kraft.

Die unmittelbaren Folgen waren weltweit sichtbar: Ganze Siedlungen flussabwärts wurden überflutet, Tausende evakuiert, Häuser, Straßen und Infrastruktur beschädigt oder zerstört. Die Bedeutung dieser Katastrophe liegt nicht nur in der Zerstörung eines einzelnen Staudamms, sondern in dem, was sie offenbarte: dass im Krieg Russlands die Infrastruktur selbst zum Ziel werden kann und wird.

Das Wasserkraftwerk Kachowka vor Russlands großangelegter Invasion in der Ukraine. Fotos: Ukrhydroenergo.

Das Wasserkraftwerk Kachowka nach der Zerstörung des Staudamms durch russische Streitkräfte. Fotos: Ukrhydroenergo.

Ausmaß der Auswirkungen

Die Zerstörung des Kachowka-Staudamms verursachte massive Schäden an der Infrastruktur, der Wirtschaft und der Umwelt der Ukraine.

Laut einer Bedarfsanalyse der ukrainischen Regierung und der Vereinten Nationen nach der Katastrophe beliefen sich die direkten Schäden auf rund 2,8 Milliarden US-Dollar, die Gesamtverluste überstiegen 11 Milliarden US-Dollar. Eine umfassende Bestandsaufnahme vor Ort war jedoch nur eingeschränkt möglich, da ein erheblicher Teil des betroffenen Gebiets unter russischer Kontrolle stand.

Nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms, einer der größten humanitären und Umweltkatastrophen im Krieg Russlands gegen die Ukraine, kam es in Cherson und Umgebung zu großflächigen Überschwemmungen. (Fotos: Staatlicher Katastrophenschutzdienst der Ukraine)

Die gravierendste Folge war der Verlust von Funktionen des Ökosystems, da Schutzgebiete und Wälder, darunter international bedeutende Naturschutzgebiete, durch die Überschwemmung geschädigt wurden, was langfristige Schäden an der Biodiversität und dem lokalen Klima verursachte. Zudem haben Minen und Blindgänger große Gebiete in gefährliche und schwer zu sanierende Gebiete verwandelt. Giftige Sedimente, die sich im Verlauf von Jahrzehnten im Stauseebett angesammelt hatten, wurden flussabwärts gespült, was die Ökosysteme des Dnipro und des Schwarzen Meeres bedrohte.

Mai 2023

Juni 2023

Juli 2023 (Alle Fotos: Planet Labs PB)

Der am stärksten gefährdete Bereich

Durch die niedrigere Lage des linken Ufers des Dnipro (Anm.: unter russischer Kontrolle) kam es dort zu weit stärkeren Überschwemmungen.

Laut dem Dokumentarfilm „When the Water Screams“ von Olesia Bida für „The Kyiv Independent“ gab in den besetzten Gebieten keine organisierte Evakuierung. Stattdessen berichteten Anwohner von Informationsblockaden, der Leugnung des Ausmaßes der Überschwemmungen, der Beschlagnahmung von Booten und Ausrüstung für Rettungsaktionen, Angriffen auf Evakuierungsboote, der Einschüchterung von Freiwilligen und eingeschränktem Zugang zu medizinischen Diensten und Notfallmaßnahmen.

„Die genaue Zahl der Todesopfer lässt sich nicht ermitteln“, da die Besatzungsbehörden die Ausstellung von Sterbeurkunden blockieren, Ärzte an der Untersuchung der Leichen hinderten und Familien daran hinderten, die Verstorbenen zu bergen und zu bestatten. Viele Menschen gelten weiterhin als vermisst.

Die stärksten Auswirkungen auf Mensch und Natur betreffen das bewohnte linke Ufer des Dnipro unterhalb des Staudamms, wo die Bedingungen während und nach der Überschwemmung am schlimmsten waren.

Oberhalb des ehemaligen Kachowka-Staudamms hat das Verschwinden des Stausees weite Überschwemmungsgebiete freigelegt und unerwartete ökologische Veränderungen ausgelöst, obwohl die Arbeit an seiner Wiederherstellung unter Kriegsbedingungen stattfindet.

Ökologische Transformation der Großen Wiese

Die Große Wiese (Velykyi Luh) ist eine historische Landschaft in der unteren Dnipro-Region, die jahrzehntelang vom Kachowka-Stausee bedeckt war. Nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms setzte in dem Gebiet ein rascher und unerwarteter Prozess der ökologischen Transformation und Renaturierung ein.

Das Team des jüngsten Projekts von Suspilne Dnipro berichtet, dass sich die Landschaft der Großen Wiese allmählich wieder in Richtung eines natürlichen Auenökosystems zurückverwandelt, wobei neue Wasserwege, Inseln und Waldgebiete entstehen:

  • Eine schnelle Regeneration der Vegetation, bei der auf dem ehemaligen Stauseebett Weiden- und Pappelwälder entstehen.
  • Die Artenvielfalt hat deutlich zugenommen, mit Hunderten von Pflanzenarten und der Rückkehr zahlreicher Vogel- und Tierpopulationen.

Die Forscher weisen allerdings darauf hin, dass große Teile des Gebiets aufgrund anhaltenden Beschusses, Drohneneinsätzen und Landminen unzugänglich bleiben, was eine umfassende wissenschaftliche Bewertung extrem erschwert.

Blick über den Kachowka-Stausee von Kachowka in Richtung der Stadt Beryslaw, 2017. Foto: Persönliches Archiv von Iryna Kovalenko.

Warum es immer noch wichtig ist

Über seine strategische und wirtschaftliche Bedeutung hinaus war der Kachowka-Staudamm auch fester Bestandteil der ukrainischen Lebenswelt. Für viele Ukrainer, die zwischen den Regionen reisten, ans linke Ufer des Dnipro zurückkehrten oder Richtung Süden zum Schwarzen Meer und zum Asowschen Meer fuhren, war er eine signifikante Landmarke – „sein Anblick signalisierte, dass das Ziel bald erreicht sein würde.“ So wurde nicht nur Infrastruktur zerstört, sondern auch ein vertrautes Element der nationalen Landkarte.

Drei Jahre später ist die Zerstörung des Kachowka-Staudamms nicht nur wegen der dortigen Ereignisse von Bedeutung, sondern auch wegen der Erkenntnisse, die seine Zerstörung lieferte: Russland scheut nicht davor zurück, kritische Wasserinfrastruktur gezielt anzugreifen. Das belegt die klaren Verhaltensmuster des Kremls in diesem Krieg – die Missachtung von Natur, Menschenleben und Tieren sowie die bewusste Verschärfung der ohnehin schon katastrophalen Lage.

Wasserinfrastruktur, Energienetze, Verkehrsverbindungen und andere zivile Systeme sind Teil des russischen Schlachtfelds geworden, mitunter sogar zu den wichtigsten. Wenn Russland an der Front keine Siege erringen kann, können dem russischen Publikum wenigstens Siege der Armee über ukrainische Zivilisten gezeigt werden.

Deshalb ist Kachowka nicht nur eine Mahnung an die Ereignisse vor drei Jahren,  sondern vielmehr eine Fallstudie darüber, wie dieser Krieg abläuft, denn Aktionen dieser Art sind keine Ausnahmen, sondern ein konsequentes, wiederkehrendes Muster auf verschiedenen Ebenen der russischen Kriegsführung und Politik.

Diese Publikation wurde mit Unterstützung der International Renaissance Foundation erstellt. Für den Inhalt tragen ausschließlich die Autoren die Verantwortung und sie spiegelt nicht notwendigerweise die Ansichten der International Renaissance Foundation wider.

Iryna Kovalenko
Journalistin von UkraineWorld
5. Juni 2026