In der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 1937 ereignete sich in Belarus, was seither „Ноч расстраляных паэтаў“ (Die Nacht der erschossenen Dichter) genannt wird.
Der NKWD ließ in Minsk während einer einzigen Nacht im Keller seines örtlichen Gefängnisses und in der Pischtschalauski-Burg 132 führende Persönlichkeiten der belarusischen Kultur ermorden. Die Leichen der Opfer wurden heimlich im 10 bis 15 Hektar umfassenden Wald von Курапаты (Kurapaty) in Massengräbern verscharrt. Historiker schätzen, dass in Kurapaty bei Massenerschießungen binnen weniger Jahre bis zu 250.000 Menschen ermordet und verscharrt wurden.
Unter den Toten des 29. Oktobers befanden sich 22 der bekanntesten belarusischen Dichter, Schriftsteller und Literaturkritiker (darunter prominente Namen wie Todar Kljaschtorny, Michas Tscharot und Ales Dudar) sowie führende Wissenschaftler, Ärzte und Kulturschaffende. Mit diesem Massenmord löschte das Stalin-Regime die intellektuelle und künstlerische Avantgarde des Landes mit einem Schlag fast vollständig aus. Zuvor waren bereits Anfang August mehrere zehntausend konfiszierte Manuskripte belarusischer Literaten, die als „Volksfeinde“ eingestuft waren, vernichtet worden.

Die Hinrichtungsliste war im September 1937 in Moskau direkt von Josef Stalin und hochrangigen Funktionären (wie Molotow und Jeschow) unterzeichnet worden. Sie umfasste die Namen von 102 Personen und wurde von lokalen NKWD-Angehörigen noch erweitert. Umgesetzt wurde die Aktion vor Ort unter der Leitung des NKWD-Chefs von Belarus, Boris Berman (der 1939, unmittelbar nach Lawrentij Berijas Machtübernahme im NKWD, als “polnischer Spion” angeklagt und erschossen wurde). Zeitgleich leitete Berman die “Polen-Aktion” des NKWD in Belarus, in deren Zuge an die 17.000 Menschen polnischer Herkunft ermordet wurden. Noch in selbigem Jahr wurde Berman mit dem “Lenin-Orden” ausgezeichnet. Nach eigenen Angaben aus dem Januar 1938 ließ er in acht Monaten 60.000 Menschen inhaftieren, wobei er auf die gebildete Schicht und die Kulturschaffenden von Belarus abzielte.

Die Wahrheit kam erst Jahrzehnte später ans Licht. In der Sowjetzeit wurde selbst in den betroffenen Familien nur mit Vorsicht über das Verschwinden der Angehörigen gesprochen. Viele Jahre lang hatten die überlebenden Zeugen der sowjetischen Verbrechen Angst von ihren Erfahrungen zu erzählen, aus Furcht, alles könnte sich wiederholen. Selbst nach dem XX. Parteitag der KPdSU, auf dem die Rehabilitierung von Stalins Opfern beschlossen wurde, schwieg man offiziell über die Erschießung als Todesursache. So erhielt zum Beispiel die Ehefrau des Schriftstellers Platon Halawatsch 1956 eine Bescheinigung, dass ihr Mann 1944 in einem Lager an Herzstillstand gestorben sei. Zugang zu den Archiven des KGB erhielten die Angehörigen in einzelnen Fällen erst in den 1990er Jahren.
Das wahre Ausmaß des Verbrechens wurde erst 1988 durch Ausgrabungen und nachfolgende Recherchen öffentlich bekannt. In Kurapaty wurden bis zum Zerfall der Sowjetunion an die 500 Massengräber mit jeweils 200 Leichen entdeckt. Allerdings dürften bald danach Teile des Gebietes für weitere Nachforschungen unbrauchbar gemacht worden sein. Der Untergrund wurde zubetoniert, um eine neuzuerrichtende Ringautobahn um Minsk darüber zu führen.
Mit Gründung der Republik Belarus 1991 wurde das Thema der Nacht der erschossenen Dichter zunehmend tabuisiert und seit der Niederschlagung des Aufstandes in Belarus 2020/2021 wird das offizielle Erinnern an Kurapaty und die russischen Verbrechen in Belarus wieder unterdrückt, während Russland die betreffenden Archive des NKWD bis zum heutigen Tag verschlossen hält.

Folgend dem Umgang Russlands mit den in Katyn begangenen Verbrechen neigt das offizielle Belarus inzwischen dazu, die Verbrechen von Kurapaty einfach „den Nazis“ in die Schuhe zu schieben.
Der 29. Oktober gilt in der Zivilgesellschaft von Belarus und der Diaspora als zwar inoffizieller, aber tief verankerter Gedenktag für die Opfer des russischen Terrors.


