Aus dem Logbuch
Von Konstantin Kaiser
Bei Andrej Kurkow finde ich den Hinweis, dass die Kinder in Donezk und Luhansk seit 2014 in der Schule lernen mussten, die Ukraine sei ein Naziland. Weniger krass wird Ähnliches in österreichischen Schulen praktiziert. Österreich sei auf die Lüge des „Opfer-Mythos“ gegründet, im Grunde auch nur ein Naziland, das sich bloß aus der Verantwortung gestohlen habe. So lernen schon die Kinder, den Staat, dem sie angehören, zu verachten.
Die Annahme, dies feie sie gegen Nationalismus ist verfehlt. Die Verachtung gilt fortan nur den Bestrebungen für ein anderes, besseres Österreich. Gefördert wird der Drang, in diesem verworfenen Land ohne Skrupel seinen Vorteil zu suchen. Die Verachtung für Österreich schließt chauvinistisches Überlegenheitsgefühl gegenüber weniger erfolgreich scheinenden Nationen, so den Ost- und Balkanstaaten, nicht aus. Dies als einen Vorzug zu preisen, käme ungefähr der Behauptung gleich, ein Rassist sei erfreulicherweise übernational orientiert, kenne Rasse doch keine Landesgrenzen.
Der „Opfermythos“ ist nicht unsere Geschichte. Er ist ein „Mythos“, eine Legende, ein schwacher Versuch, uns zu rechtfertigen, keine Wirklichkeit. Er ist auch nicht die einzige Lüge, mit der wir leben. Die schlimmste Lüge ist vielleicht die, dass wir uns weismachen, mit der bloßen Distanzierung von Nationalsozialismus und Judenmord sei es getan. Unsere wirkliche Geschichte ist verzweifelter Widerstand, Faschismus, Nationalsozialismus, Kollaboration, Massenmord, Krieg und Wiedererringung der Eigenstaatlichkeit. Letztere ist unser Glück, das wir nicht preisgeben sollten. Sie ist nicht selbstverständlich.

