Aus dem Logbuch
Von Konstantin Kaiser
Erinnerung an eine Sprachlosigkeit. 1991 war ich zu Besuch in Dresden, im Sächsischen Landesarchiv wollte ich den Spuren Berthold Viertels nachgehen und fand auch etwas, wenngleich nicht überwältigend viel. Aus der Korrespondenz erhellte sich einiges über die Umstände von Viertels Bestellung als Spielleiter an das Königliche Hoftheater, das kurz danach in „Staatstheater umbenannt wurde. Ich durfte bei den Altners, glaube ich, doch habe ich keine rechte Erinnerung daran, übernachten, sie hatten eine Vierzimmerwohnung in einem der mit Fernwärme aus kilometerlangen Rohren versorgten Plattenbauten im Zentrum Dresdens, errichtet auf einer durch das Bombardement im Februar 1945 freigewordenen Fläche. Mit Manfred Altner war ich in Kontakt gekommen durch sein Interesse an Kinder- und Jugendbuchliteratur und da wieder an Hermynia Zur Mühlen. Er war Herausgeber oder Verfasser eines Buches über proletarische Jugendliteratur gewesen, das versehen mit einem Vorwort Erich Honeckers erschien. Er fungierte auch als Verantwortlicher für einen aus Anlass des 225-jährigen Bestehens der Akademie der Künste zu Dresden 1989 (!) veranstalteten Prachtbandes. Manfred war auf dem Zweiten Bildungsweg zur akademischen Ausbildung gekommen; begonnen hatte er mit einer Machinenschlosserlehre; nur in der DDR sei sein Aufstieg vom Arbeiterkind zum Hochschulprofessor möglich gewesen, war sich Manfred gewiss. Sprachlich und stilistisch hatte sich Manfred eine solide Bürgerlichkeit erarbeitet, nirgends verspürte man etwas vom stürmischen Andrang sich kritisch überschlagender Dialektik oder von einem auch nur zaghaften Versuch, dem Bestehenden den Spiegel des Widerspruchs vorzuhalten. Es gab höchstens ein paar Skurrilitäten wie z. B das besagte Vorwort Honeckers oder die gelegentlich von ihm aufgestellte Behauptung, die Kurstadt Meran hätte sich schon vor 1918 in Italien befunden, was nicht auf einem Mangel geographischer Kenntnis beruhte, sondern wohl die spätere Grenzziehung übereifrig auch rückwirkend anerkennen sollte. Die DDR-Diktatur, deren treuer Diener Manfred war, war Zeit ihres Bestehens auf dem Kriegspfad der Anerkennung. Das führte in der Regel dazu, dass man in der DDR-Germanistik für österreichische Eigenheit und Eigenart mitunter mehr Verständnis zeigte als anderswo in Deutschland. Manfred wusste allerdings nur wenig über Österreichisches. In Wien war er gewesen, die Psychoanalyse war ihm, vermute ich, suspekt, dem Heurigen konnte er nichts abgewinnen. Klassische Musik und Oper waren eher sein Fall.
Als dann das Regime der SED, die das Land regierte, das Manfred für seine Heimat hielt, binnen weniger Monate kollabierte, einen Scherbenhaufen hinterlassend, aus dem die einen eilig herauskrabbelten und in dem die anderen hastig nach den besten Stücken suchten, verschlug es ihm buchstäblich die Rede. Eine Stimmbandlähmung – ein halbes Jahr lang brachte er keinen menschlichen Laut hervor. Die Schockwellen des Zusammenbruchs verliefen tief in sein persönliches Leben hinein. Er hatte nämlich das Pech, dass die Kunstgeschichte-Abteilung der Akademie der Künste zu Dresden unter dem – meines Erachtens völlig irreführenden – Titel Institut für marxistische Ästhetik geführt wurde, das heißt, sie war die allererste, die abgewickelt wurde, versehen mit neuem akademischen Personal aus dem Westen; Manfred Altner, knapp 60 Jahre alt, wurde entlassen, dann gnadenhalber in Alterspension geschickt. Ich glaube, man nannte mir 1.100 Westmark als die Höhe seines Bezugs; Hätte er diesen in einer fortbestehenden DDR in Ostmark erhalten, hätte er damit bescheiden sein Dasein fristen können. So aber reichte es vorn und hinten nicht, die Wohnungsmiete wurde schon bald hinaufgesetzt, und Frau Bärbl verdiente ein wenig Geld als Billeteurin in einem Kino dazu. Die Fallhöhe vom anerkannten Herausgeber einer prunkvollen Jubiläums-Festschrift zum Beschäftigungslosen innerhalb weniger Monate war für Manfred Altner jedenfalls zu groß.
Für Altner wendete sich die „Wende“ bald zum Besseren. Altners Stimme kehrte zurück. Das Prinzip „Restitution vor Reparation“ (statt einer Entschädigung für Enteignungen in der DDR wurde die Rückerstattung des Enteigneten priorisiert) bescherte Frau Bärbel das Eigentum eines Bürgerhauses im Zentrum von Leipzig. Der Verkauf des Gebäudes ermöglichte dem Paar, sich in Radebeul ein Haus auf einem Bärbel dort zugefallenen Grundstück zu bauen, und 2004 erschien prompt ein Altner-Buch mit dem Titel „Literarische Wanderungen durch Radebeul“. Meine Korrespondenz mit Manfred Altner brach schon 1994 ab; zuvor finde ich einen Brief, in dem ich Manfred eine lange Liste von Mängeln und Ungenauigkeiten in seiner Biographie Hermynia zur Mühlens vorhielt; vielleicht ging ihm das zu sehr gegen den Strich. Es ging u.a. um Problematisches in der Politik der KPD gegenüber Hitler.
Aber etwas ist dringend nachzutragen, nachdem mir wiederholt erwähnt wurde, die Positionen der „Abgewickelten“ im akademischen Bereich seien in Ostdeutschland vielfach mit ‚politisch zuverlässigen‘ rechtsstehenden Akademikern, die im Westen schon seit Jahren in den Startlöchern scharrten, besetzt worden:
Im Mai 1992 ging ich mit Manfreds Sohn Nils in die Neustadt, den 1944 nicht so furchtbar bombardierten gründerzeitlichen Teil Dresdens; bei einem Glas Wein begann der Anglistik-Student unvermittelt von Jünger, Heidegger und Nietzsche zu schwärmen und mir war, als wolle er die Sinnleere um uns mit den Gespenstern eines philosophischen Irrationalismus beleben oder – schlimmer noch – die Abwertung seiner Familie und seines bisherigen Lebens dadurch kompensieren, dass er sich deutscher als deutsch gebärdete. Vielleicht mündete damals schon ein aus der kaum vergangenen Zeit der SED-Diktatur herrührender zaghafter Protest gegen die ‚mechanistische‘ Gesellschaftsordnung in eine breitere regressive Strömung. Nils war ein sympathischer junger Mann, ein wenig schüchtern, frei von Protzerei, mit guten Manieren. Ist jetzt auch wieder Universitätslehrer, in Duisburg; Manfred Altner starb 2020 kurz vor seinem 90. Geburtstag in Radebeul. Ich konnte ihm durch Nils noch Glückwünsche übermitteln.
Notiert 2020, aktualisiert 2026
