Es wird Winter sein im besetzten Gebiet

Von Konstantin Kaiser

Bild: United24
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I.

Sorgt zum Ersten für Nahrung und Kleidung,
dann wird euch das Reich Gottes von selbst zufallen.

Rede des Winters an den Besatzer

Es wird Winter sein und dich erinnern
an dein Vernichten:
die verbrannten Felder,
abgedeckten Häuser,
zertrümmerten Fensterläden,
der niedergemähte Wald,
das geborstene Silo,
verschimmelte Saatgut.
Faules Fleisch im Brunnen.
Hingeschlachtet das Vieh.
Die Hühner hüpften so lustig
im Kugelhagel.
Jetzt fehlen Hände.
Fehlt dir das Ei.
Suchst einen trockenen Keller.
Leere Kartoffelsäcke,
dich zu betten.

Die Mutter ist geflohen.
Der Garten ist mit ihr fort.
Erwarte keine Früchte.
Die Freunde, die du jetzt hast,
sind Fremde. Pass auf, was du sagst.

II.

Hier und dort. Drinnen und draußen

Dort, wo du her bist, steigt der Führer persönlich
durch das Eisloch in den Kanal.
Heraus kommt kein neuer Mensch.
Nur ein kalter.
Wer seiner Gnade sich unterwirft,
wird Kreatur, die den Willen zur Freiheit nicht kennt.
Er will dich verwalten.
Nachts siehst du ihn reiten
auf der Rakete durch schwarzen Rauch
des geschändeten Firmaments.
Ein furzender Komet, der er Gott ersetzt hat durch den Tod.
Deine Fahrkarte einmal Hass und zurück
wirst  du nicht brauchen.
Bist Kanonenfleisch.
Abgesprungen vom Wuchern des Toten.
Nicht angekommen im Leben, wirst du
hier nicht finden den Brunnen des Heils.

Choral

Draußen ist das Böse. Zieh brav dich zusammen.
Drinnen saust die Knute über dir.
Draußen erschießt du den Radfahrer.
Das tote Mädchen verrät dich nicht.
Pack ein, was du brauchst.
Vergiss dich.

III.

Beschwörung des Versäumten

Die Chance,
aus dem Proletariat den Neuen Menschen zu schöpfen,
wurde leider vertan.Es waren die Gewerkschafter,
Gründer von Einkaufsgenossenschaften,
Erbauer von Volkshäusern, Aufklärer des Alltags,
samt den aufbegehrenden Frauen, die die Gelegenheit,
den Neuen Menschen zu schaffen, vorübergehen ließen,
indem sie am Flickwerk des alten Menschen
sich geschäftig machten auf verlorenem Posten.
Schuld auch ist der Londoner Exilgelehrte Marx,
der den Sinn des Ehernen Lohngesetzes nicht erkannte.
Statt es anzuerkennen als die radikale
Geburtsurkunde des Neuen Menschen, der
„nichts zu verlieren hat als seine Ketten“
berechnete er alles
ökonomisch. Der Schwung ging verloren.
Am Ende rief er den Staat zur Hilfe, der sollte
durch Zwangsgesetz den Proleten hindern
sich ohne Schranke seiner selbst zu entäußern. Und so rief er
nicht nach Freiheit, sondern nach Zwang.
Nicht nach dem Neuen Menschen, nicht nach dem Aufbruch
der Stärksten, Kühnsten und Willigsten, sondern
nach dem Recht und Wohl der verführbaren Masse, als wäre
jeder geeignet mitzumarschieren und die Geschichte
eine Arche Noah, wo jedes Menschenpaar eine Frankfurter Küche
bekommt und ein Wasserklosett
im Gemeindebau. Mit dem Verrat
am Neuen Menschen habt ihr den Blankoscheck unterschrieben,
habt ihr allem zugestimmt, der Nation, dem Krieg, den Lagern.
Allem, was da kommen musste. Schämen müsst ihr euch jetzt
vor jedem Maulhelden, der Revolution verlangt und bejammert,
dass sie verpasst worden sei, die Reinigung.
Tschystka zum Teufel. Bitte von vorn!

IV.

Widerrede des Winters

Ich aber bin der Winter, der ich alle Jahre weiche
und wiederkehre, der euch gelehrt hat,
die Früchte zu dörren, das Fleisch zu räuchern
und in Salz zu legen, der euch gelehrt hat
die Vorsorge. Gelehrt, das Saatgut zu bewahren
und trocken zu lagern, das Futter einzubringen fürs Vieh,
bevor der große Maler, der Schneefall, sein Werk ausbreitet
in freudig glänzender Gegenwart.
Ich bin der Winter, Urvater dessen, was ihr
Kultur nennt, eine Kultur der Sorge mag sein,
dass ihr etwas beiseite legt, mit mir zu durchschreiten
die Wochen des blassblauen Himmels. Ich verrate euch
das Geheimnis von Geld und Kredit.
Meine Eiseskälte machte den Anfang. Geld
ist nicht entstanden, um zu bezahlen,
sondern um Kredit zu gewähren und zwar mit Zinsen,
wenn eure Vorsorge erschöpft war
und nicht mehr ausreichte
bis in die Frühlingstage.
Ich bin der Winter und verrate das Geheimnis,
dass nur ungleich Mangel und Fülle,
das Mehr und das Weniger Ursprung sind der Kultur.
kann einer geben, muss ein anderer nehmen.
Das ist das Wunder der gemeinsamen Gegenwart
und die wahre Hochzeit von Kanaan.
Geld kann man nicht essen, aber verleihen,
den Hunger zu stillen, sei es mit Schulden,
bis am fernen Rand des Hungersees
die Arche Noah des Sommers anlegt.

Die Ihr dem Zinsfuß die Schuld gebt
statt der schlechten Regierung, bleibt ruhig hocken
in den Wartesälen der Zukunft,
aber hört mich an!

V.

Verbessere den Menschen nicht, nimm ihn
mit seinen eingefleischten Qualen und Lüsten,
mit seinen abgewohnten Widersprüchen, seinen
ausgelatschten Schuhen. Nimm ihn.
Er ist Flickwerk, kein Gipsmodell, kein
Vor- oder Nachklang, kein Untergang und kein Aufgang.
Verbessere die Gerichte, verbessere das Handeln, die Handgriffe,
den Geschmack. Verbessere das Schulbuch, den Hackstock. Nur das Selbstverbessern lass sein,
dieses unstillbare Streben
nach Gesundung und Reinheit.
Es geht zu Lasten deiner Nächsten!
Du machst dich zum Werkzeug,
und es ist gar nicht dein Ziel.
Du verdirbst dir den Stil,
kompromittierst dein Handeln,
und verlierst das Vertrauen
in die gute Endlichkeit der Dinge.

Oksana Stavrou gewidmet